Aktuelles
Akteure
Beispiele
Materialien
Forum
Links
Impressum
Home
   

Aktuelles

Anmerkungen zu einer Erklärung evangelischer Christen in Württemberg zum Thema "Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern"

Anmerkungen zu einer Erklärung evangelischer Christen in Württemberg zum Thema "Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern" Die Erklärung wurde erarbeitetet von neun im Anschluss namentlich genannten Personen, die in verschiedenen Werken der Evangelischen Kirche tätig sind. Der Oberkirchenrat hat sie am 11.01. 05 begrüßt und an die Öffentlichkeit weitergegeben. Exemplare der Erklärung können beim Oberkirchenrat bestellt werden (Gänsheidestraße 4, 70184 Stuttgart, Tel.: 0711/2149-517, e-mail: ernst-ludwig.vatter@elk-wue.de).

Der Arbeitskreis rostra theologica beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem israelisch-palästi- nensischen Konflikt und bildete nach einem Gespräch mit Frau Felicia Langer im Oktober 2004 die Projektgruppe Israel-Palästina. Diese setzte sich in mehreren Sitzungen mit der Erklärung auseinander und trägt hiermit einige Überlegungen zur Diskussion bei.

Wir begrüßen es, dass die Erklärenden, die mit ganz verschiedenen Partnerinnen und Partnern in Palästina und Israel Kontakte pflegen und deren Sichtweisen der Situation dort deshalb durchaus verschieden sind, den Dialog gesucht haben, um voneinander zu lernen.

Wir begrüßen es, dass sie miteinander fragen, was wir für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel tun können. Die Erklärung versteht sich als ein Konsenspapier. Auch wir halten eine solche gemeinsame Erklärung für etwas Hilfreiches. Allerdings darf ein Konsens nicht auf Kosten der nötigen Klarheit und Präzision erzielt werden.

Wir begrüßen es, dass die Erklärenden ihre Erklärung nicht als für die Landeskirche gültige Richtlinie betrachten, vielmehr ein weitergehendes Gespräch anregen wollen. Diese Anregung wollen wir mit unsren Anmerkungen aufnehmen.

1. Die Erklärung sagt: "Zwei Völker kämpfen um ein und dasselbe Land." Wir finden es gut, dass die Erklärenden dem Anliegen der Palästinenser den gleichen Rang zukom-men lassen wie dem Anliegen der Israelis. Trotzdem führt dieser Satz u.E. in die Irre, wenn nicht alsbald ergänzt wird, dass es sich bei diesem Kampf um einen asymmetri-schen Konflikt handelt. Die stärkste Militärmacht des Nahen Ostens kämpft gegen Menschen, die fast ohnmächtig sind. Un-ter dem Schutz dieses Militärs schaltet und waltet die Besatzungsmacht im Westjordan-land und im Gazastreifen, ohne den Ansprüchen und Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung Rechnung zu tragen.

2. "Zwei Völker kämpfen um ein und dasselbe Land": Wer den heutigen Kampf recht ver-stehen will, muss beide Katastrophen sehen, aus denen der Staat Israel hervorging. Auf der einen Seite steht die Judenfeindlichkeit, die im Holokaust gipfelte; auf der anderen Seite die Nakba, die Vertreibung eines Großteils des palästinensischen Volkes, das mit dem Holokaust überhaupt nichts zu tun hatte, aus weiten Teilen seines Heimatlands im Kontext des Unabhängigkeitskriegs 1948/49. Während seither Juden aus der ganzen Welt das Recht haben, in den Staat Israel einzuwandern, haben die, die vor weniger als 60 Jahren aus dem Land vertrieben wurden, und ihre Nachkommen bisher kein Rück-kehrrecht noch bekommen sie eine adäquate Entschädigung.

3. Die Erklärung spricht von einem "lebensfähigen palästinensischen Staat", der ge-schaffen werden soll. Das begrüßen wir, so wie es für uns eine Selbstverständlichkeit ist, für das Lebensrecht des Staates Israel einzutreten. Da den Begriff eines lebensfähi-gen palästinensischen Staates aber alle interpretieren können, wie sie wollen, ist er ei-ne Leerformel, solange wir nicht mit den Vereinten Nationen für die Palästinenser we-nigstens die volle Souveränität über das kleine Restpalästina fordern, das ihnen 1949 geblieben war.

4. Die Erklärenden "beten für einen Frieden, der von Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit bestimmt wird". Dem können wir nur zustimmen. Solange aber nicht klar ausgespro-chen wird, dass der israelische Siedlungs- und Mauerbau auf palästinensischem Boden unter dem Schutz der israelischen Armee Gewaltausübung ist, wird man im fernen Deutschland beim Wort "Gewalt" immer zunächst an palästinensische Selbstmordatten-tate denken. Diese verurteilen wir. Doch mit Recht sagt der palästinensische Politiker Marwan Barghouti: "Siedlungen sind Terror"; denn sie bedeuten Enteignung und Zer-störung der Lebensgrundlagen der einheimischen Bevölkerung, wie der Terror auch sonst viele Gesichter hat, z.B. ungerechte Verteilung des Wassers, willkürliche Abriege-lung von Gebieten, Schikanen an den Check-points, gezielte Tötungen.....

5. Unter der Überschrift "Wir warnen vor der Gefahr des Antisemitismus" weist die Er-klärung unterschwellige antisemitische Kritik an der Politik des Staates Israel zurück. Wir stimmen den Erklärenden zu, wenn sie fordern, dass die Politik des Staates Israel wie die Politik eines jeden Staates am Völkerrecht und den Menschenrechten zu mes-sen ist. Deshalb ist Kritik an Israel notwendig gerade durch Menschen, die diesem Staat und seinen Bürgern positiv gegenüber stehen. Wir sehen aber auch, dass solche Kritik oft zu Unrecht mit Antisemitismusverdacht belegt wird und so mundtot gemacht werden soll. Im übrigen vermissen wir in der Erklärung die Warnung vor ungerechter Kritik an den Palästinensern. Diese halten wir für ebenso wichtig wie die Warnung vor unan-nehmbarer Kritik am Staat Israel.

6. Die Erklärung will zum friedlichen Dialog der Konfliktpartner beitragen. Das begrüßen wir. Da sie aber keine Informationen über die israelische Besatzungs- und Besiede-lungspolitik enthält, arbeitet sie de facto für die Politik der israelischen Regierung, denn diese wird medienwirksam als Friedenspolitik ausgegeben, die nur leider immer wieder von palästinensischem Terrorismus durchkreuzt werde.

7. Der Weltrat der Kirchen hat immer wieder dargelegt, wo der Staat Israel Völkerrecht und Menschenrechte verletzt (vgl. seinen Brief vom 31.3.05 über den Status von Jeru-salem, in dem dies erneut deutlich wird). Der Oberkirchenrat stellt sich hinter eine Erklä-rung, die jede Aussage dieser Art vermeidet. U.E. sollten wir als Mitglied des Weltrates dessen Votum nicht übergehen.

Uns ist wie den Erklärenden als Christen und Deutschen das Existenzrecht des Staates Israel ein unabdingbares Anliegen. Die Zukunft Israels im Kontext der muslimisch-arabischen Welt kann aber nur in einer aufrichtigen Versöhnung und politisch geregel-ten Nachbarschaft mit dem Volk der Palästinenser nachhaltig gelingen. Dazu gehört u.E., dass die Entwicklungen in Israel und Palästina wesentlich präziser ins Auge ge-fasst werden.



Pfingsten 2005

Gisela Dehlinger, Siegfried Dehlinger, Ulrich Kadelbach, Heide Kast, Jürgen Schächter-le, Klaus Thierfelder, Johannes Wagner


Kontaktadresse: Klaus Thierfelder, Eichwaldstr.34, 73430 Aalen

Aus der „Erklärung evangelischer Christen in Württemberg

Einen gerechten Frieden im Nahen Osten fördern“

„Zwei Völker kämpfen um ein und dasselbe Land. Dieser Streit kann und darf nicht so entschieden werden, dass ein Volk das andere zu unterdrü-cken, zu vertreiben oder zu vernichten trachtet. Beide Völker sollen auch in Zukunft in diesem Land leben. Dies ist unseres Erachtens nur möglich auf der Basis einer Reihe von Kompromissen wie der Teilung des Landes, der Errichtung eines lebensfähigen palästinensischen Staates neben dem Staat Israel, der gegenseitigen Anerkennung und von Sicherheitsgaran-tien. Wir beten für einen Frieden, der von Gerechtigkeit und Gewaltfreiheit bestimmt wird und setzen uns dafür ein. Wir hoffen, dass politische Fort-schritte dazu beitragen, Terror und Gewalt zu überwinden. Der Weg zum Frieden kann nur gelingen, wenn er gegen alle Widerstände fortgesetzt und auch von den Nachbarstaaten und der internationalen Staatenge-meinschaft nachhaltig unterstützt wird.“

„Die Politik eines jeden Staates ist zu messen am Völkerrecht und an den internationalen Abkommen zum Schutze der Menschenrechte. Kritik an der Politik des Staates Israel wird aber inakzeptabel, wenn sie pauschal antijü-disch, verzerrend oder hasserfüllt ist, wenn sie politische oder militärische Maßnahmen Israels mit nationalsozialistischen Verbrechen vergleicht oder Israels Existenz in Frage stellt.“

Der vier Seiten umfassende Text dieser Erklärung wurde erarbeitet von: - Dr. Ernst Michael Dörrfuß / Johannes Gruner / Dr. Michael Volkmann (AG Wege zum Verständnis des Judentums) - Bernhard Dinkelaker / Andreas Maurer (Evangelisches Missionswerk in Südwestdeutschland) - Karin Lindner (Evangelische Frauenarbeit) - Wolfgang Wagner (Evangelische Akademie Bad Boll) - Dr. Jürgen Quack / ErnstLudwig Vatter (Evangelischer Oberkirchenrat Stuttgart) Angehängt ist die „Erklärung von Alexandria“, verfasst von jüdischen





powered by <wdss>

© 2014 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.de

Sitemap | Druckversion

nach oben