Aktuelles
Akteure
Beispiele
Materialien
Forum
Links
Impressum
Home
   

Aktuelles

"Der Stadt Bestes suchen"

Lokale Agenda 21 und Engagement in der Stadt

"Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl." schrieb vor langer Zeit der Prophet Jeremia (29,7) an die jüdischen Vertriebenen zu Babel. Wie oft ist dieses Prophetenwort in Predigten, An- und Zusprachen, Für- und Abbitten im Überschneidungsbereich von Kirche und Politik zitiert worden. Seltener jedoch wird dabei der historische Hintergrund ausgeleuchtet, handelt es sich doch bei der "Stadt" um das Zentrum einer feindlichen und gewalttätigen Macht, um das "Zentrum des Bösen", um an eine Formulierung jüngeren Datums zu erinnern. Eine zeitgemäße Form, der 'Stadt Bestes zu suchen', ist die LOKALE AGENDA 21, beschlossen auf der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio, der in diesem Jahr eine zweite in Johannesburg folgen wird. Danach haben sich viele Staaten verpflichtet, innerhalb ihres Gebietes alle Bürger einer jeden Kommune nach ihrem Weg durch das 21. Jahrhundert, nach ihrer ökonomischen und ökologischen, kulturellen und sozialen Entwicklung suchen zu lassen. Die Lokale Agenda 21 ist also auch als ein basisdemokratischer Prozess zu verstehen. Nun ist es kein Geheimnis, dass in vielen Kommunen Deutschlands dieses Projekt auf wenig Begeisterung gestoßen ist - oder nach anfänglichem Engagement bei politischem Mehrheitswechsel und/oder unter Haushaltssicherungskonzepten auf die Schrumpf- oder Streichliste geraten ist. Anders gewendet ist zu fragen, wieviel Vertrauen und Wohlwollen kommunale Verwaltung und Parlament in die Kompetenz und das Engagement ihrer Bürger setzen. In einer münsterländischen Kleinstadt wurde der Rat vom örtlichen Sozialseminar der evangelischen Kirchengemeinde gebeten, spät - aber noch nicht zu spät - den Prozess einer Lokalen Agenda einzuleiten, zumal diese Stadt vor einem großen Entwicklungssprung stand. Der Rat fasste diese Vorlage mit spitzen Fingern an. Ein Ratsherr erblickte ein Mitglied des Sozialseminars unter den Zuhörern, steuerte diesen an und forderte ihn auf, die Verantwortung für die Lokale Agenda mit dem Sozialseminar zu übernehmen; die Kosten trage selbstverständlich die Stadt. Nach einer Bedenkzeit willigte der Angesprochene ein. Das Kuratorium des Sozialseminars stimmte zu. Und das Sozialseminar war kurz zuvor vom Presbyterium der Kirchengemeinde mit der Wahrnehmung der gesellschaftlichen Mitverantwortung ausdrücklich beauftragt worden. Die Resonanz der Bürger hat sich in engen Grenzen gehalten. Das ist wohl die Erfahrung in vielen Gemeinden und Städten unseres Landes. Es hat aber auch erfreuliche Einzelergebnisse gegeben. Auf einer "Garten-Ralley" - es gibt eben außer der "Formel 1" auch noch spannende Rennen, ökologischere zumal - haben rund 400 Bürger an einem Sonntag "naturnahe Privatgärten" besichtigt. Eine engagierte 'Gärtnerin' stellte anschließend fest: "So viele Menschen - und nichts wurde zertreten, kein Abfall hinterlassen". Und die Kirchengemeinde? Ein Mitglied des Presbyteriums stellte resigniert fest: "Das Ding läuft völlig an der Gemeinde vorbei". Viele Gemeinden arbeiten an ihrem "Leitbild". Es ist zu hoffen, dass bei dieser Arbeit der Blick auch auf Jeremia 29 fällt, auf die "Suche nach der Stadt Bestem". Zumal es sich bei der Lokalen Agenda heute nicht einmal um das Beste einer feindlichen Stadt handelt, sondern um das Beste der eigenen, heimatlichen Stadt. Alle sechs Jahre ist der Jeremia-Text an die Vertriebenen zu Babel Predigttext. Aber vielleicht ist dieser Zeitabstand im gottesdienstlichen Kontext einfach zu groß, um eine Mitverantwortung der Christen für die Gestaltung des örtlichen Gemeinwesens tief ins Bewusstsein dringen zu lassen.

Heinrich Vokkert




weiter


powered by <wdss>

© 2014 by Stiftung Oekumene | eMail: ecunet@t-online.deSitemap | Druckversion

nach oben