Aktuelles
Christen im Irak
Christliche Gemeinden im Irak vergessen und verschwiegen?
In den Medien, auch in den evangelischen Kirchenzeitungen, war bislang so gut wie nichts darüber zu erfahren, dass es im Irak Christen gibt. Dabei befindet sich hier eine christliche Kirche, die ihre Traditionen seit 2000 Jahren in ungebrochener Kontinuität fortführt und die sich heute noch auf aramäisch, der Sprache Jesu, verständigt. Das Selbstverständnis, die älteste christliche Kirche der Welt zu sein und für die ununterbrochenen Kette der Weitergabe des Glaubens unter schwierigsten Bedingungen zu stehen, weicht jedoch zunehmend einer bedrückenden Angst vor der Zukunft. Wie lang christliches Gemeindeleben im Irak noch aufrecht erhalten werden kann, ist ungewiss - gibt es doch für viele auf Grund des Embargos buchstäblich kein Weizenmehl mehr, mit dem sie das Brot fürs Abendmahl bereiten könnten. Irakische Kirchen wurden und werden möglicherweise weiter durch Bomben zerstört. Viele Gemeinden können sich schon deshalb nicht mehr versammeln, weil ihre Mitglieder in andere Länder fliehen mussten.
Das seit über einem Jahrzehnt wirksame Wirtschafts- und Handelsembargo gegen den Irak hat zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Situation der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, der Jugendlichen und der Alten geführt. In Basra leben heute nur noch 1.000 christliche Familien. Vor dem irakisch-iranischen Krieg von 1980 waren es 3.000. Die größte irakische Exilgemeinde befindet sich heute in Detroit/USA, wo insgesamt etwa 250.000 irakische Christen leben.
(Mitgliedskirche im Oekumenischen Rat ist die aus Exilgemeinden in den USA bestehende Apostolic Catholic Assyrian Church of the East, 8908 Birch Avenue, Morton Grove, IL 60053, USA; Zeitschrift: Voice of the East, Website: http://www.cired.org/).
Heute schon sind die Hälfte der irakischen christlichen Jugendlichen Analphabeten, weil die Eltern die hohen Schulgebühren nicht mehr bezahlen können oder dem hohen Islamisierungsdruck nachgeben mussten.
Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 hat sich die Situation der irakischen Christen dramatisch verschlechtert: Sie wurden pauschal als Instrumente des Westens diskreditiert, obwohl es ihnen immer wichtig gewesen war, ein positives Bekenntnis zur eigenen Nation unter Beweis zu stellen. Die bittere Quintessenz sowohl aus der alten wie der jüngeren Geschichte: Irakische Christen fühlen sich verlassen und vergessen vom „christlichen Westen".
Auf die schwierigen Lebensbedingungen irakischer Christen weist Dr. Dietrich Werner, theologischer Referent des Nordelbischen Missionszentrums in Breklum, in einem umfassenden Kommentar hin. Das Papier findet sich als Downlowd unter: www.kirche.de
"Christen im Irak -
Vergessen und verschwiegen?
Dietrich Werner
„Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“ Die weihnachtliche Botschaft von der Ankunft eines neuen Friedensreiches, wie sie im 35. Kapitel des Jesajabuches den lange unter Fremdherrschaft Leidenden und Gedemütigten zugesagt wird, ist die Monatslosung für den Monat Dezember. Sie klingt gewaltig und spricht die Sehnsucht nach einem großen Aufatmen an - nach einer Periode der Angst, der Unterdrückung, des Verzagens und der Ohnmacht. Müde Hände werden gestärkt, wankende Knie werden fest, die wüste Einöde wird neu erblühen, Gottes – und nicht der Menschen - wird die Rache sein, die Wiederherstellung des Rechtes der Schwachen, die Gewalt und das Unrecht werden ein Ende finden – welche Worte, welche Verheißung bei Jesaja!
In den letzten Monaten hat es mich immer mehr gedrängt, die Bedeutung der Adventsbotschaft aus der Perspektive von Menschen zu bedenken, die heute sicherlich zu den Verzagtesten und Bedrängtesten weltweit gehören: Menschen im Irak. Was bedeutet es eigentlich menschlich, psychologisch, sozial und ökumenisch für die christliche Minderheit in diesem Land, wenn wochenlang in der Politik und in den Medien von Ländern, die mehrheitlich christlich bestimmt sind, über einen wahrscheinlichen Krieg gegen den Irak gesprochen und spekuliert wird? Was bedeutet es, wenn von Militärexperten über Chancen und logistische Probleme eines Bodenkrieges im Irak geredet wird, als handele es sich um ein Computerspiel? Wenn von Börsenexperten die Kosten eines Krieges gegen den Irak hochgerechnet werden – und der nachteilige Effekt auf die Weltwirtschaft als verhältnismäßig gering veranschlagt wird? Wenn die Spekulationen über einen gewaltsam von außen bewirkten Regimewechsel ins Kraut schiessen, ohne daß mit einem Wort die Existenz und die schwierige Situation der leidenden irakischen Bevölkerung insgesamt und besonders die Situation der christlichen Minderheit dort erwähnt oder berücksichtigt werden?
Die Kirche der Sprache Jesu
In den Medien, auch in den evangelischen Kirchenzeitungen ist so gut wie nichts darüber zu erfahren, daß es im Irak auch Christen gibt: Christen mit einer 2000 Jahre alten Geschichte. Im Irak befindet sich die einzige Kirche, die sich heute noch in der Sprache Jesu (aramäisch) verständigt. Hier leben die Repräsentanten der bedeutendsten Missionskirche des Christentums im ersten Jahrtausend. Sie sind Christen mit besonders reichem theologischen Potential und der größten historischen Tragik hinsichtlich des christlichen Zeugnisses und Dialogs im muslimischen Kontext!
In regionalen Missionswerken gibt es kaum Beziehungen zu Christen im Irak. Dies liegt daran, dass die Partnerschaften an den historischen Missionsbeziehungen orientiert und überwiegend auf die protestantischen Kirchen bezogen sind. Doch auch in einer protestantisch orientierten Missionsgemeinschaft bleibt es wichtig, die Adventsbotschaft vom beginnenden Friedensreich in einem weit gespannten ökumenischen Horizont zu hören, der vor den ideologischen, kulturellen und konfessionellen Mauern und Grenzen nicht halt macht. Denn mitten in einem Land, das von bestimmten christlichen Politikern pauschal zum „Reich des Bösen“ deklariert wurde, leben die ältesten christlichen Geschwister, die die westlichen Kirchen im Bereich der nicht-westlichen Kirchen überhaupt haben.
Das Land Irak, das tief in der biblischen Geschichte verwurzelt ist, gilt als Geburtsregion Abrahams und Sarahs (Ur in Chaldäa). Wir gehen davon aus, dass der Irak den geografischen Hintergrund für unsere Vorstellung vom Garten Eden bildet. Hier gibt es frühe Spuren des Wirkens der Jünger Thomas und Thaddäus (Addai), auf die die Kirche ihre Anfänge im ersten und zweiten Jahrhundert zurückführt. Es gibt Verbindungen zwischen den alten christlichen Traditionen im Irak und den Thomaschristen in Indien, weil es der Apostel Thomas war, der von Jerusalem über die Region Iran/Irak bis nach Indien reiste und dort im ersten Jahrhundert die Kirche der Thomaschristen gründete.
Verlierer der Geschichte
1980 lebten im Irak bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von 17 Millionen Menschen ca. eine Million christliche Gläubige, also etwa 6% der Bevölkerung. Davon waren 800.000 sogenannte chaldäische Christen, 200.000 Christen gehörten anderen Kirchen östlich-orthodoxer Prägung an. Heute geht man von 600.000 bis 800.000 Christen bei einer Gesamtbevölkerung von 21-22 Millionen aus. Der Anteil ist auf etwa 2,8% der Gesamtbevölkerung zurückgegangen. Die beiden assyrischen Kirchen des Ostens, die kleinere selbständige Assyrische Kirche („Alte Apostolische Kirche des Ostens“) und die größere mit Rom unierte Assyrian Catholic Church of the East (Chaldäer), sind die weltweit einzigen Kirchen, die bis heute Gottesdienst und Liturgie noch in der Sprache Jesu, dem Aramäischen feiern. Sie ist die älteste der insgesamt vier nicht-chalcedonensischen (orientalisch-orthodoxen) Kirchen des Ostens, die wir ebenfalls im Irak finden: neben den Assyrern die Koptisch-orthodoxe Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche und die Armenisch-orthodoxe Kirche.
Missionshistorisch übersetzt und interpretiert bedeutet dies, daß sich die irakischen Christen schon früh in ihrer komplizierten Geschichte als „Verlierer“ in der Auseinandersetzung mit dem (kirchlichen) „Westen“ erfahren mußten. Die „Sieger“ beim kulturellen und dogmatischen Richtungskampf in der frühen Christenheit des 5. Jahrhunderts blieben die chalcedonensischen Kirchen. Hierzu zählten die Westkirche und die östlich-orthodoxen Kirchen. Sie lehrten die doppelte Natur Christi, die sowohl göttlich als auch menschlich sei. Die Nicht-Chalcedonenser, die allerdings mit einem ganz anderen kulturellen Umfeld kommunizierten, betonten dagegen die Einheit der Natur Christi, die rein göttlich sei. Sie wurden deshalb Monophysiten („eine Natur “) genannt. Weil sie die Lehre von Nestorius von Antiochien annahmen, wurden sie später Nestorianer genannt und als „Abweichler“ oder Häretiker gebrandmarkt. „Nestorianische Kirche“ blieb eine Bezeichnung, die von der Apostolischen und Katholischen Asssyrischen Kirche des Ostens selbst immer abgelehnt wurde. Von der machtvollen Westkirche waren diese Christen jahrhundertelang abgeschnitten und abgedrängt; ebenfalls isoliert waren sie gegenüber der rechtgläubigen Orthodoxie der östlichen „mainline-churches“. Sie blieben marginalisierte und als Abweichler verdächtigte Kirchen, weil sie den Ergebnissen des Konzils von Chalcedon nicht zustimmten, weil sie in monophysitischer Tradition dem trinitarischen Dogma kritisch gegenüberstanden, und weil sie gegenüber der sich im Westen entwickelnden Verehrung und Vergöttlichung Marias Vorbehalte hatten. Bis heute pflegen die assyrischen Christen einen sehr schlichten Gottesdienststil und lehnen Bilder und Skulpturen im Gottesdienstraum (lediglich mit einem schlichten Kreuz ohne Korpus ausgestattet) ab.
Theologisch halten irakische Christen auch heute an einem strengen Monotheismus fest, den sie gemeinsam mit dem Judentum und dem Islam bekennen. Bis heute wird die Betonung der Einheit und Einzigkeit Gottes mit der Verwendung nur eines Fingers beim Schlagen des Kreuzes symbolisiert.
Missionarische Kirche
Kaum bekannt und in der westlich einseitig dominierten Missions- und Kichengeschichtsschreibung berücksichtigt ist ebenfalls: Die sogenannte nestorianische Kirche war im ersten Jahrtausend die größte und dynamischste Missionsbewegung der Christenheit überhaupt - wohlgemerkt eine Missionsbewegung ohne staatlichen Schutz und militärischen Druck von oben. Es waren assyrische bzw. nestorianische Missionare, die durch ganz Asien reisten und Gemeinden im arabischen Raum, in China, in Japan, in Indien gründeten. Die „Nestorianische Kirche“ war die größte Missionskirche in Asien im ersten Jahrtausend bis ins Frühmittelalter – bis heute ein Rätsel, ein Geheimnis, eine unglaubliche Herausforderung für die einseitig westzentrierte Wahrnehmung.
Es ist eine grausame und tragische Ironie der Kirchengeschichte, daß die assyrischen Christen, die sich in ihrer kulturellen und dogmatischen Prägung im islamischen und arabischen Kontext als besonders anpassungs-, dialog- und kommunikationsfähig erwiesen hatten, vom Westen dennoch keine Achtung und Rehabilitation erfuhren. Obgleich die Assyrische Kirche seit 1950 Mitglied im ÖRK ist, wurde sie noch 1990 in der orthodoxen Vereinbarung von Chambesy als ketzerisch verurteilt. Ihr historisches Überleben sicherte die 1553 vollzogene Unterwerfung durch Rom. Die vom Patriarchen von Babylon geleitete und seitdem im populären Sprachgebrauch Chaldäer genannte Kirche ist eine Uniatenkirche, die zwar am eigenen aramäischen Ritus festhalten kann, aber ansonsten dem päpstlichen Primat in Rom unterstellt ist.
Heute gehören vermutlich nur noch 50.000 Gläubige im Irak zur alten assyrischen Mutterkirche. Die Mehrheit gehört zu der mit Rom unierten Assyrisch-Katholischen Kirche des Ostens. Wie aber werden die assyrischen Christen heute in ihrem Land und vom „christlichen Westen“ wahrgenommen? Die irakische Regierung erkennt 14 christliche Kirchen im Lande offiziell an. Dazu gehören u.a. die Chaldean Catholic Church, die syrisch-orthodoxe, die armenisch-orthodoxe und die griechisch-orthodoxe Kirche sowie die National Evangelical Protestant Church.
Christliches Bekenntnis contra politische Loyalität?
In der muslimischen Gesellschaft genießen die christlichen Kirchen als Minderheit formell staatliche Schutzrechte. Auf der anderen Seite können sich Christen auf Grund der vom Baath-Regime eingeschränkten Versammlungs- und Meinungsfreiheit zu häuslichen Bibelkreisen nur illegal oder mit Gefährdung treffen. In anerkannten Kirchen können jedoch christliche Gottesdienste gefeiert und in registrierten Colleges auch Ausbildungskurse für Priester und Laien durchgeführt werden. Der chaldäische Patriarch Raphael Baldawid wurde vom Staatspräsidenten ernannt. Es ist klar, daß offiziell das christliche Glaubensbekenntnis nicht in Widerspruch zur Loyalität gegenüber Saddam Hussein treten darf. Einzelne irakische Christen sind an der gegenwärtigen Regierung beteiligt (Tariq Aziz). Wie sich die Mehrheit der christlichen Führer im Irak zur Regierung bzw. zur Opposition im Exil verhält, ist (mir) unbekannt.
Tatsache ist, daß das seit über einem Jahrzehnt wirksame Wirtschafts- und Handelsembargo gegen den Irak zu einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Situation der Bevölkerung, insbesondere der Kinder, der Jugendlichen und der Alten geführt hat. Die christliche Bevölkerung gehörte traditionell zu den gebildeten und wohlhabenden Schichten. Das hat sich dramatisch verändert. Eine direkte Auswirkung des Embargos ist die Emigration von Christen und vielen Menschen der besser (ausge-)gebildeten Bevölkerungsgruppen ins Ausland, vor allem in den Libanon und die USA. Islamisch geprägte Bevölkerungsgruppen aus den ländlichen Regionen des Süd-Irak ziehen in die großen Metropolen Bagdad und Basra. In den letzten Jahren hat eine immer stärkere fundamentalistische Islamisierung der irakischen Gesellschaft eingesetzt, die zuvor in der Tradition der Baath-Partei einen stärker säkularen Charakter hatte. Sie wird zusätzlich politisch instrumentalisiert vom herrschenden Regime.
In Basra leben heute nur noch 1.000 christliche Familien. Vor dem irakisch-iranischen Krieg von 1980 waren es 3.000. Die größte irakische Exilgemeinde befindet sich heute in Detroit/USA. In den USA leben insgesamt etwa 250.000 irakische Christen. Heute schon sind die Hälfte der noch im Irak lebenden christlichen Jugendlichen Analphabeten, weil die Eltern die hohen Schulgebühren nicht mehr bezahlen können oder dem hohen Islamisierungsdruck nachgeben mussten. Im Irak gilt grundsätzlich: Christen dürfen zum Islam übertreten, Muslime aber nicht zum Christentum.
Nach Aussage des chaldäischen Patriarchen hat sich die Situation der irakischen Christen nach den terroristischen Anschlägen des 11. September 2001 nochmals dramatisch verschlechtert: Nun war es ein leichtes, irakische Christen pauschal als Instrumente des Westens zu diskreditieren, obwohl es ihnen immer so wichtig gewesen war, ein positives Bekenntnis zur eigenen Nation, einen „irakischer Patriotismus“, unter Beweis zu stellen. Die bittere Quintessenz sowohl aus der alten wie der jüngeren Geschichte: Irakische Christen fühlen sich verlassen und vergessen vom „christlichen Westen“.
Die (un-)eingeschränkte Wahrnehmung des Westens
„Wenn die Bomben fallen werden“, so resigniert Raphael Bidawid, „werden sie nicht unterscheiden zwischen Christen und Muslimen, sie werden jeden treffen“. Und in der chaldäischen St. Teresa-Kirche in Bagdad ist von der 53jährigen christlichen Amira der Adventsgruß zu hören: „Leute, die unser Land mit einem Embargo belegen, sind keine wirklichen Christen. Sie lieben weder den Frieden noch die Gerechtigkeit. Ich möchte den Amerikanern sagen, dass Christus für den Frieden kam, nicht für Krieg.“
Wer hört die Stimme der Christen aus einem Land wie dem Irak? Wer hört die Stimme der assyrischen Christen und Kirchen in Deutschland? Es gibt sie – auch in Hamburg. Besteht überhaupt Hoffnung, daß Christen im Irak weiterleben können und daß sie die Aufmerksamkeit und Unterstützung von Kirchen im Westen finden?
Brot der Hoffnung: Stärkung zum Bleiben?!
Der Überlieferung nach behielt der Apostel Johannes einen kleinen Teil vom Teig des Brotes des allerersten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern zurück. Er fügte es beim nachfolgenden Mahl in den Teig des eucharistischen Brotes ein. Seitdem wird dieser Brauch befolgt und weitergeführt. Das Selbstverständnis, die älteste christliche Kirche zu sein und festzuhalten an der ununterbrochenen Kette der Weitergabe des Glaubens, dazubleiben selbst unter schwierigsten Bedingungen, findet seinen Ausdruck in diesem winzigen Detail der Zubereitung des eucharistischen Brotes. Es vermittelt die Hoffnung, daß die Botschaft des Glaubens und das Zeichen des Friedens weiter leben und in der apostolischen Tradition gewahrt bleibt.
Wie lang die ununterbrochene Kette der Überlieferung, des Zeugnisses und des Teilens im Irak noch aufrecht erhalten werden kann, ist ungewiss. Dies fragen sich heute nicht nur irakische Christen, sondern auch Christen in den Ländern des Nahen Ostens überhaupt - gibt es doch für viele Gemeinden auf Grund des Embargos buchstäblich kein Weizenmehl mehr, mit dem sie das Brot bereiten könnten. Ihre Kirchen wurden oder werden möglicherweise durch Bomben zerstört. Und viele Gemeinden können sich mittlerweile einfach deshalb nicht mehr sammeln, weil sich ihre Mitglieder wie die Körner des Weizens in alle Winde zerstreut haben und in andere Länder fliehen mußten.
Dennoch feiern Christen der assyrisch-chaldäischen Tradition weiter, wo immer sie können. Sie teilen das Brot in der Hoffnung, dass die Kette der Hoffnung, des Zeugnisses und der Solidarität nicht unterbrochen wird, weder zwischen den Generationen noch zwischen den Christen in Ost und West. „Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“ – Dies ist die weihnachtliche Botschaft von der Ankunft eines neuen Friedensreiches, wie sie im 35. Kapitel des Jesajabuches den lange unter Fremdherrschaft Leidenden und Gedemütigten zugesagt wird. Wir können diese adventliche Botschaft nur angemessen verstehen, wenn wir sie auch mit den Ohren derjenigen hören, die auf der anderen Seite der Welt sind. Die Sehnsucht nach einem großen Aufatmen ist fühlbar - nach einem wirklichen Ende der Periode der Angst, der Unterdrückung, des Verzagens und der Ohnmacht. Müde Hände werden gestärkt, wankende Knie werden fest, die wüste Einöde wird neu erblühen, Gottes – und nicht der Menschen - wird die Rache sein. Die Wiederherstellung des Rechtes der Schwachen, die Gewalt und das Unrecht werden ein Ende finden – welche Worte, welche Verheißung, wenn sie gehört werden aus der Perspektive der anderen, die im Irak, im Nahen Osten oder mitten unter uns leben.

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